Gastbeitrag | Eine geplant ungeplante Geburt

Es gibt Themen und Ereignisse die man aus den unterschiedlichsten Gründen mit anderen Menschen teilen möchte. Wahrscheinlich habe ich genau aus diesem Grund vor Jahren mit dem Bloggen angefangen. Damals war ich 16 Jahre alt und das Schreiben war meine „Therapie“. Es hat mir geholfen Erlebtes zu verarbeiten, es zu verstehen. Heute ist das nicht anders, aber natürlich überlege ich mir mittlerweile etwas besser welche Gedanken es bis auf den Blog schaffen. Umso schöner finde ich es, wenn andere liebe Menschen ihre Gedanken hier teilen möchten. 

Geburtsbericht von Juli

Bis dieses Foto entstehen konnte, habe ich einige Tage gebraucht. Dies ist ein Bericht über die Geburt unseres zweiten Sohnes, aber vor allem darüber was ich erlebt habe und wie ich jetzt mit etwas Abstand damit umgehen kann.

Es war der Donnerstag vor dem langen Osterwochenende und ich befand mich bei einer weiteren CTG-Kontrolle in unserer Geburtsklinik. Das CTG war unauffällig, gute Herztöne und Kindsbewegungen, aber keine Wehen. „Dann kommen Sie am Samstag wieder.“, meinte die Ärztin und wollte sich von mir verabschieden. Mir muss in diesem Moment das: ‚Wie, ist das Ihr Ernst?‘ ins Gesicht geschrieben gestanden haben, zumindest habe ich so etwas ähnliches gesagt, denn zwei weitere Untersuchungen und zehn Minuten später willigte sie, wenn auch mürrisch, in eine Einleitung am nächsten Tag ein.

Die Gründe für meinen Wunsch lagen eigentlich auf der Hand. Die 41. SSW war so gut wie vorbei und die 18 Kilo mehr trugen sich nicht von selbst, aber noch entscheidender war der anstehende ambulante OP-Termin unseres großen Sohnes, für den ich Ende des Monats auch wieder da sein wollte, wenn er postoperativ eine Woche nicht in den Kindergarten gehen durfte.

Karfreitagmorgen meldete ich mich in der Patientenanmeldung an, bekam ein Zimmer auf der Geburtsstation zugewiesen und trank im Kreißsaal einen wehenfördernden Cocktail. Alles unter den Blicken der Hebamme der Frühschicht, die mich wissen lies, dass sie die Einleitung für zu vorzeitig hielt. Während der anschließenden, zweistündige CTG-Kontrolle bemerkten die Hebammen erste Unregelmäßigkeiten in den Herztönen des Babys und empfahlen mir eine andere Liegeposition. Dieser Umstand sollte uns noch den ganzen Tag und auch die Nacht über begleiten, aber dazu später mehr.

Das Gefühl mit meiner Entscheidung richtig gehandelt zu haben, wich zu keiner Zeit von meiner Seite. Ich war doch nun in guten Händen, dachte ich mir. Und es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wirkung des Hormons die Wehen stärker werden lies und es dann endlich losging. Am Abend war es soweit. Ich spürte, dass sich die Wehen veränderten, die Hebammen waren ebenfalls der Meinung und riefen meinen Mann an. Das einzige was noch immer hakte: die Herztöne unseres Babys. Mal waren sie da, dann fielen sie dramatisch ab und waren dann doch wieder regelmäßig und schnell. Die Geburtswehen kamen, wir probierten unzählige Stellungen aus, in denen ich genügend Stütze fand und die Töne regelmäßig blieben. Sie probierten es mit einem zusätzlichen Wehentropf. Als die Herztöne bradykard (zu langsam) wurden und selbst mein Mann Dank jahrelangen eher unfreiwilligem Arztserienschauens sofort verstand, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte, gönnten uns Hebammen und Ärzte uns eine Pause. Was auch immer wir taten, das Baby rutschte mit seinem Kopf nicht ins Becken. Unterdessen wurde es immer später. Hatte die Hebamme anfangs noch prophezeit: „Wenn jetzt die Fruchtblase platz, kommt er noch heute.“

Es war wohl gegen halb zwei in der Nacht, als jedes längere Warten und Probieren zu gefährlich geworden wäre. Unter Schmerzen hatte auch ich daran gedacht, wollte es aber aus Furcht nicht äußern. Insgeheim lauschte ich darauf, was die Stimmen um mich herum entschieden. Als der Kaiserschnitt sich aus medizinischer Sicht nicht mehr zu umgehen war, ging alles ganz schnell. Hier eine zitternde Unterschrift, dort das geschäftige Treiben des OP-Personals in grellem Licht, das sich mitten in der Nacht für uns bereit machte und die liebevolle Stimme der Anästhesistin. Dann schlief ich ein.

Als ich erwachte, war ich zurück im Kreißsaal, entdeckte blinzelnd in ein paar Metern Entfernung meinen Mann mit unserem Baby auf dem Arm. Ich dachte, ich würde träumen, weil alles so ruhig und stimmig war. Die Wehen waren vorbei, ohne, dass ich es gemerkt hatte. Und dort drüben saßen sie, so friedlich und warteten auf mich. „Er ist ganz gesund.“, waren die ersten Worte, an die ich mich noch erinnern kann und wohl auch die wichtigsten.

Bereits an dieser Stelle merkte ich, dass etwas anders war, als nach der Geburt unseres ersten Sohnes. Es fehlte etwas, ich hatte, wenn auch lange Zeit versucht, kein Geburtserlebnis in diesem Sinne. Zum anderen war da der Schmerz, von dem ich mir noch keine Vorstellung machte, ihn aber doch spürte. Geballt sollte es dann am Morgen kommen, als die Schwestern der Frühschicht auf der Wochenbettstation mich weckten.

Das erste Mal Aufstehen, fühlte sich an wie meine ersten Schritte überhaupt. In mich gekrümmt, ein Bein zur Entlastung immer etwas mehr auf den Zehenspitzen als das andere, an beiden Seiten die Schwestern und in winzigen Schritten, lief ich bis zum Bad. Der Katheter wurde entfernt, mir wurde geholfen mich zu waschen. Mein Bauch wirkte noch immer riesig, was vor allem daran lag, dass unglaublich viel Luft darin war und ich mich anfangs nicht in der Lage sah, etwas dagegen zu tun.

Am Tag danach waren die Schmerzen des aufgeblähten Bauches sogar noch viel stärker, als die meiner OP-Narbe. Mit freundlicher Genehmigung einer Schwester durfte ich einen Kaffee trinken, obwohl ich 48 Stunden nach dem Eingriff vorerst nur Suppe, Tee und Wasser zu mir nehmen sollte. Die Nächte über verbrachte unser Baby bei den Schwestern und wurde mir nur zum Stillen gebracht, allein Wickeln war eine Herausforderung, weshalb ich auch das am Anfang meist einer Schwester oder meinem Mann überließ, wenn er da war. Tagsüber versuchte ich mich zu mobilisieren, mein Essen im Speisesaal einzunehmen oder mir selbst die Getränke aufzufüllen. Jeder Gang war qualvoll, aber ich wollte es unbedingt. Gegen die Mittagszeit überkam mich meist nicht nur die körperliche Belastung, sondern es flossen auch Tränen. Jede Schwester versicherte mir, dass das alles erlaubt sei, dass ich schon zu viel wollte und ich jedes Recht darauf hatte mich noch mehr zu schonen oder Aufgaben abzugeben.

Als mir am vierten Tag überraschend angeboten wurde am nächsten Tag nach Hause zu gehen, sagte ich nicht nein. Ich hatte mir überlegt, wie es werden würde, ohne das elektrisch zu verstellende Bett, um aufstehen und mich legen zu können und wusste es nicht. Liegen konnte ich bislang nur auf dem Rücken, Aufstehen wiederum musste ich über die Seite, da die vorderen Bauchmuskeln nicht angestrengt werden dürfen. Ich hatte noch immer unglaubliche Schmerzen und kam beim Abholen nicht allein in meine Schuhe hinein, da ich mich nicht bücken konnte. Beim Verlassen des Krankenhauses musste ich mehrmals um Luft ringen und Pausen einlegen, weil das Laufen so anstrengend war. Dennoch fühlte ich mich überglücklich nach Hause zu meiner Familie zu kommen, was sich in Form von noch mehr Tränen und Schmerzen äußerte. Vor allem der Schmerz darüber, dass es nun erst einmal nicht so war, wie wir es uns wenige Tage zuvor noch ausgemalt hatten.

Der Beginn unseres Familienglücks zu viert wurde erst einmal auf die Probe gestellt. Während mein Mann unseren großen Sohn am frühen Morgen im Kindergarten abgab, selbst auf Arbeit ging und für den Nachmittag einen Oma-Opa-Abholdienst organisierte, blieb ich zu Hause in unserer Wohnung und hatte genug mit dem Baby (das unglaublich geduldig war) und mir selbst zu tun. Es ging gut, es gelang mir so ausreichend zu essen und zu trinken, mich um die Bedürfnisse des Babys zu kümmern und sogar noch etwas vom Haushalt zu erledigen. Nur dieses nicht rausgehen können, das ließ mich schier verzweifeln. Als mein Wochenfluss nach nicht einmal zwei Wochen frühzeitig versiegte und ich meine Ärztin aufsuchen musste, erreichte ich den Gipfel meiner eigenen Schmach. Bevor man den Muttermund hätte mithilfe einer Zange öffnen müssen, sollte ich erst einmal die Wirkung einer Spritze abwarten. Das Mittel sorgte für erneute Wehen und zu einem Gefühl, dass ich mir gern erspart hätte. Wir hatten beschlossen nach dem Arztbesuch im Supermarkt noch ein paar Lebensmittel zu besorgen, als ich zwischen den Reihen stehend feststellte, wie mir das Blut die Beine hinunter lief. Gefühlsmäßig hätte es nicht schlimmer werden können.

Körperlich geht es mir seit diesem Eingriff aber deutlich besser. Das tiefe Tal scheint überwunden zu sein und mit den Wochen die vergehen, kommt auch bei uns der Alltag an. Meine Kraft kehrt zurück, Spaziergänge sind möglich und unseren ersten Sohn zum Kindergarten zu bringen und abzuholen obliegt nun meiner eigenen Organisation. Am meisten aber freue ich mich auf die Wochenenden, die eigentliche Familienzeit, gefüllt mit Ausflügen und Besuchen und ganz viel Glück und Liebe.

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7 Kommentare

  1. Aileen

    Ach,liebe Juli!Es ist für uns Frauen so wichtig,über das Erlebte zu sprechen!Es ist mutig von dir,dies so öffentlich zu tun!Die Geburt,egal wie sie verläuft,und die Zeit danach sind manchmal traumatisch und wollen verarbeitet werden!Nicht immer läuft es,wie erhofft!Auch wenn am Ende ein gesundes Kind in deinen Armen liegt und dies schlussendlich das Wichtigste ist,darf man nie vergessen dass auch du,die Mutter,gesund sein und werden muss!Und das nicht nur körperlich sondern auch geistig!Von solchen Erlebnissen muss man sich erholen!Aber auch ich kenne das „zu viel wollen“ und gleich wieder loslegen Gefühl!Ich lag 48 Stunden in den Wehen!Keine Position,kein Wehen Tropf lies die Kleine weiter vorrücken!Sie steckte fest,kam einfach nicht vorwärts!Die Fruchtblase platzte nicht!Ich hatte kaum noch Kraft,als ich flehend die Hebamme und meine Mutter ansah und sagte „Ich will keinen Kaiserschnitt!Ich habe so gekämpft!“!Die Ärzte gaben mir noch eine Stunde,dann würde der OP vorbereitet werden!Die Hebamme ergriff die Initiative und bat mich zu pressen!Doch auch das Pressen half nichts!Sie rückte vor und wieder zurück!Die Saugglocke musste unsere Kleine zur Welt bringen,was heftige Verletzungen mit sich brachte!Vorwiegend bei mir!Diese in den folgenden Wochen zu ertragen und zu wissen,dass sowohl innerlich als auch äußerlich viel kaputt gegangen ist,war schwer!Ich konnte nicht sitzen,hatte bei jeder Bewegung schmerzen!Doch ich stand auf,ich wollte in den Frühstücksraum!Ich saß da,immer im Wechsel von rechts nach links!Der Wochenfluss stockte auch bei mir,kam aber durch meine Hebamme und homöopathische Mittel wieder in Gang (auch,wenn ich nie jemand bin,der an Homöopathie glaubt)!

    Ich bewundere deine Offenheit und wünsche dir von Herzen alles Gute!Dass der Kleine das Erlebte vergessen lässt!Gerade wenn man so zwei unterschiedliche Geburten erlebt hat,merkt man doch,dass es da keinen Plan gibt!Egal,wie sehr man einen schmiedet!Und man sich nicht vorbereiten kann!Das Leben kennt keine Pläne!Es läuft unerwartet und abenteuerlich!Und so beginnt es auch!

    Liebste Grüße

    • Liebe Aileen, vielen Dank für die Möglichkeit auch an deiner Geburtsgeschichte Anteil zu nehmen. Es ist schon verrückt, dass man glaubt mit der Geburt beginnt dann einfach nur die schöne (und anstrengende) Familienzeit und stattdessen benötigt man als Mama danach erst einmal eine gehörige Portion Heilung. Körperlich und seelisch, je nach Ausmaß des Traumas. Zumindest hat es sich für mich so angefühlt. Irgendwie ungerecht. Mittlerweile sind diese schlechten Gedanken aber dem Glück gewichen. Auch wenn die Schmerzen tagesformabhängig sicherlich noch eine Weile zu spüren sein werden, wird mich das Erlebte daran erinnern, dass nichts selbstverständlich ist.
      Viele Grüße und alles Gute!
      Juli

  2. liebe juli,
    vielen dank für deine offenen, ehrlichen worte und einen kleinen blick in deine gefühlswelt. ich wünsche dir alles gute!

    • Liebe Mia,
      vielen Dank für deine Rückmeldung.
      Es ist mir bewusst, dass es eine sehr persönliche Erfahrung ist und auf keinen Fall anderen Frauen passieren muss. Ich erhoffe mir, dass jede Frau genügend Aufklärung erhält und die Möglichkeit hat, frei zu entscheiden wann und wie sie dieses einschneidende Ereignis Geburt erlebt.
      Viele liebe Grüße,
      Juli

  3. Susanne

    Liebe Juli,
    Diesen Text zu schreiben ist dir bestimmt nicht leicht gefallen und trotzdem oder gerade deswegen gut dass du ihm geschrieben hast. Ich wünsche dir, dass du diese Erlebnisse gut verarbeiten und deinen Frieden damit schließen kannst. Alles Liebe ❤️

    • Liebe Susanne,
      damit triffst du den Nagel auf den Kopf. Es war sehr gut das Erlebte aufzuschreiben, die Gefühle zu ordnen und zu kanalisieren. Die Möglichkeit mich mit anderen austauschen zu können, ist ebenso ein weiterer Schritt in Richtung Aufarbeitung und Verarbeitung. Mittlerweile sind es nur noch körperliche Beschwerden, die mich einschränken, aber auch die werde ich zur gegebenen Zeit angehen. Vielen Dank für deine Anteilnahme!
      Liebe Grüße,
      Juli

  4. Dein Bericht hat mich sehr berührt… Danke, dass du ihn hier mit uns geteilt hast! Ich wünsche dir und eurer Familie von Herzen alles Liebe und Gute! Liebe Grüße von Caro

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