Ich habe mein Kind zurück.

Irgendwann nach der ersten Hälfte meiner zweiten Schwangerschaft fing es an, es war ein schleichender Prozess und doch traf es mich wie ein Schlag, als mein Sohn sich langsam von mir entfernte.

Mein Bauch hatte deutlich an Umfang zugelegt und auch wenn ich mich bemühte ihn nicht ständig darauf hinzuweisen, hörte ich mich immer wieder sagen: „Pass auf, mein Bauch!“ oder „Spring bitte nicht so auf mir herum.“.

Ein Teufelskreis und dabei war er nicht mal übermäßig wild. Er war bloß ein Kind, dass mit seiner Mama spielen und rumtoben wollte.

Ich glaube, der „erste größere Bruch“ kam, als er irgendwann auf dem Weg nach Hause stürzte. Er wollte auf meinen Arm und ich hatte einfach nicht die Kraft und Luft um ihn die 100m bis zu unserer Wohnungstür zu tragen. Nach den ersten Metern musste ich anhalten und ihn unter lautem Protest wieder absetzen. Da standen wir also, beide irgendwie wütend auf mich, er weinend und ich den Tränen nahe. Das war der erste Abend an dem ich ihn nicht mehr ins Bett bringen durfte.

Papa war in allen Belangen die erste Wahl. Ich sollte das Zimmer verlassen, durfte ihm nicht mehr helfen und fühlte mich irgendwie auf die Strafbank versetzt. Natürlich wusste ich bzw. hoffte ich inständig, dass das alles nur eine Phase sei, aber es fühlte sich furchtbar an.

Am schlimmsten wurde es, wenn wir beide allein waren. Er hörte nicht mehr auf mich oder ignorierte mich einfach. Beim Überqueren der Straße lief er einfach los oder riss seine Hand aus meiner. Er brachte mich in unzählige Situationen, in denen ich mich als absolute Rabenmutter fühlte.

Mein Kind war mir plötzlich fremd.

Was glaubt ihr, wie erleichtert ich war, als ich sah, wie liebevoll er mit seiner Schwester umging. Zu wissen, dass seine Wut und sein Ärger sich einzig gegen mich richteten, waren irgendwie eine Erleichterung.

Trotzdem vermisste ich ihn ganz schrecklich. Ich wollte ihm durch die seine Haare wuscheln, ihn umarmen und einfach für ihn da sein, aber ich durfte nicht.

Es dauerte über 1/2 Jahr und benötigte erst einen tränenreichen Abend, bis ich verstand, dass ich mich nicht weiter hinter der Knopfmadame verstecken konnte. Ich habe zwei Kinder und beide brauchen mich gleichermaßen.

Seit ein paar Wochen ist es wieder wie vorher. Ich habe mein Kind zurück, darf ihn kuscheln, auskitzeln, ihn ins Bett bringen und all die Dinge tun, die Mamas eben so machen.

Wie ich diesen kleinen Wuschelkopf liebe.

Wir haben alle eine Weile gebraucht um uns in unsere neuen Rollen einzufinden. Für mich als Mutter war es eine sehr emotionale und nervenaufreibende Zeit und ich bin mir sicher, dass es nicht das letzte Mal war.

6 Kommentare

  1. Franziska

    Danke für deine Ehrlichkeit. 😊 das war sicher nicht einfach. Bei uns ist es manchmal dezent so, wenn seine Oma mit da ist….dann bin ich die Nr 2 oder 3 oder 4……fühlt sich nicht immer schön an 😑

  2. Es läuft eben nicht immer als perfekt und wie bei einer Vorzeigefamilie. Gut, dass du das auch mal so sagst, denn es macht sicherlich auch anderes Mut, die unter den gleichen Problemen leiden.

    • Ich denke, der Begriff Vorzeigefamilie ist veraltet, überholt oder existiert nur in Filmen und Serien. 😀
      Aber ja, auch so etwas sollte mal angesprochen werden. Es tat gut darüber zu schreiben.

  3. Puhh … 😢.
    Ich freue mich so sehr für Euch, dass ihr wieder zueinander gefunden habt! ❤️

  4. Das Gefühl kann ich sehr nachempfinden…Bei uns war es nicht durch die Schwangerschaft mit dem kleinen Bruder, sondern der Kiga. Ich war die „Böse“ die sie die erste Zeit unter Tränen dort abgegeben hat. Ab da, war der Papa die Nummer eins. Das hat sich jetzt wieder alles eingespielt. Aber trotzdem war das sehr schwer für mich zu Anfang.

  5. Wow, Danke für diesen ehrlichen, authentischen, berührenden, nachvollziehbaren und dadurch beeindruckenden Beitrag. Wir haben noch keine Kinder, aber deine Beiträge lassen mich immer so toll teilhaben und ich fühle richtig mit. Besonders dieser Beitrag geht mir nah und ich freue mich sehr für dich, dass die Phase wirklich nur eine Phase war!
    Liebe Grüße von einer sonst sehr stillen Leserin 🙂

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