Mama-Ich
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Von Sätzen, die hoffentlich bald aussterben

“If I wasn’t perfect in the eyes of the person who made me, what else was left for me to do?”

Es ist schon etwas her, als ich euch nach typischen “Eltern-Sprüchen” aus eurer Kindheit oder nach ungefragten Ratschlägen für euch als Eltern gefragt habe. Ihr könnt ja gern mal mitzählen wieviele Sätze euch hier bekannt vor kommen. Einige waren mir tatsächlich neu, aber dennoch nicht weniger erschreckend.

„Ich zähle jetzt bis drei! Eins…Zwei…Zweidreiviertel…“

„Solange deine Füße unter meinem Tisch sind…“

„Wenn XYZ von der Brücke springt, machst du das dann auch?“

„Komm erstmal in mein Alter, dann wirst du sehen…“

„Ich zieh die Hosen nicht mit der Kneifzange an!“

„Warte ab bis du selber Kinder hast, dann bekommst du alles zurück!“

„…sonst kommst du ins Heim!“

„Hab mal ein bisschen Respekt!“

„Ja und jetzt wieder rum bocken!“

„ICH WILL ist gestorben und DER MÖCHTE ist gestern überfahren worden!“

„Werd erstmal was, dann können wir weiter reden…“

„Mit kaltem Herd kann man nicht kochen.“

„Dann such dir doch eine andere Mama.“

„Bald weht hier ein anderer Wind.“

„Wenn du nicht auf isst, dann scheint die Sonne nicht.“

„Vom vielen Fernsehen bekommt man viereckige Augen.“

„Stell dich nicht so an!“

„…weil ich es sage!“

„Es wird gegessen was auf den Tisch kommt!“

„Mach mal die Augen zu, dann siehst du was dir gehört.“

„Das Essen wird aufgegessen, in Afrika hungern die Kinder.“

„Wenn du 18 bist, kannst du machen was du willst.“

„Bis zu deiner Hochzeit ist es wieder verheilt.“

„Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“

„Wenn du dein Zimmer nicht sofort aufräumst, komm ich mit dem blauen Sack und dann ist alles weg!“

„Es ist fünf vor zwölf!“

„Andere Kinder wären froh, wenn sie was essen könnten.“

„Spreche ich Suaheli?“

„Du alter Schauspieler!“

„Verwöhn ihn nicht so, nimm ihn nicht immer hoch.“ (über 7 Monate altes Baby)

„Ach simulier doch nicht so.“

„Dann rufen wir mal die Polizei und schauen was passiert.“

„Wie alt bist du? Wie alt ist er?“ (Bei Konflikten mit dem jüngeren Bruder)

„Wenn das nicht klappt, dann können wir das eben nicht mehr machen.“

„Wenn du jetzt weinst, gibt es noch mehr Ärger!“

„Wenn du das machst, dann kommst du aufs Internat/ ins Heim / ins Kinderbergwerk.“

„Du lernst nicht für mich, sondern für dich.“

„Solange du keine 18 bist, entscheide ich!“

„Wie willst du sie je wieder aus dem Bett bekommen.“ (Thema Familienbett)

„Nix passiert. Steh auf und du brauchst jetzt gar nicht so auf die Tränendrüse drücken.“

„Eine Gabe ist eine Aufgabe.“

„Das verstehst du noch nicht. Ich erkläre es dir, wenn du groß bist.“

„Dein Bruder ist immer so ordentlich, nimm dir mal ein Beispiel.“

„Dann fahre ich wieder nach Hause.“ (Androhung der Oma zu den Enkeln)

„Das kannst du dir kaufen, wenn du selbst Geld verdienst.“

„Wer nicht gerade sitzen lernt, wird es im Leben zu nichts bringen.“

„Iss was, damit du groß und stark wirst.“

„Ist mir egal was andere Eltern erlauben!“

„Der Ton macht die Musik.“

„Bist du die Anderen?“ (Reaktion auf: „Die Anderen dürfen aber auch.“)

„Schreien lassen ist gut fürs Herz.“ (Über weinendes Baby)

„Wenn du den Kaugummi runterschluckst, verklebt dir der Po.“

„Mach schneller, sonst gehen wir ohne dich.“

„Wer schön sein will, muss leiden!“ (Beim Haarknoten auskämmen)

„Ich wünsch dir mal ein Kind, was noch viel schlimmer ist als du.“

„Irgendwann wirst du merken, dass ich Recht hatte.“

„Eine Dame macht das nicht.“

„Wenn der Kuchen redet, ist der Krümel ruhig.“

„Musst du wissen….“

„Na hat er seinen Willen wieder gekriegt?“ (Oma als das Kind etwas fallen ließ und die Mama es aufhob.)

„Lass sie schreien, das ist gut für die Lunge.“

„Mach nicht so ein Theater / Drama.“

„Mach dein Abi, egal wie!“

„Das kannst du mit deinen Kindern mal machen, aber mit mir nicht!“

„Du brauchst gar nicht versuchen, es heimlich zu machen. Ich merke es sowieso.“

„Doofe Mütter haben auch doofe Kinder.“ (Wenn das Kind „Doofe Mama“ gesagt hat)

„Mein liebes Fräulein,….“

„Hab ich dir ja gleich gesagt.“

„Tja, das habe ich auch immer gesagt.“

Genau an dieser Stelle würde ich mich dann einhacken und nachfragen, was genau passiert ist, dass er oder sie es dann plötzlich nicht mehr getan hat? Nach all den Beispielsätzen hat man aber vielleicht eine ungefähre Ahnung davon, wie es wohl bei einer erwachsenen Person zu dieser Äußerung kam.

Meine Eltern, meine Helden

Meine Eltern sind meine Helden, ich liebe sie bedingungslos und genauso geht es unseren Kindern, auch wenn sie das noch nicht so klar formulieren oder sich dessen bewusst sind. Egal in welche Generation man schaut, die Eltern waren und sind immer Vorbilder und handelten mit bestem Wissen und Gewissen. Wir orientieren uns schon im Kleinkindalter an ihnen und entdecken mit zunehmendem Alter immer mehr Eigenheiten unserer Eltern in uns. Manche finden diese Ähnlichkeit schön und Andere versuchen sich einzureden, dass das doch gar nicht so ist. Egal welche Situation für jemanden zutrifft, es ist kein Grund, alles einfach als gegeben hinzunehmen und sich selbst und sein eigenes Handeln nicht auch ab und an zu hinterfragen.

„Ich hätte die Geduld nicht“

Erziehung ist ein sehr sensibles Thema bei dem die Meinungen weit auseinander gehen. Ich finde es sehr traurig, zu beobachten, wie Mütter sich online förmlich zerfleischen und nieder machen, weil sie unterschiedliche Meinungen und Ansichten haben. Kinder sollen sich bitte super individuell entfalten können, aber wehe Mama 1 hat eine andere Meinung als Mama 2 und 3. Gut möglich, dass mit dem Milcheinschuss das logische Denkvermögen aussetzt. Irgendwas passiert auf jeden fall, dass aus normalen Frauen plötzlich zähnefletschende Biester werden.

Mir reichen jedenfalls schon die unterschiedlichen Meinungen innerhalb meiner Familie, gegen die man sich  irgendwie behaupten muss. So richtig aufgefallen ist mir das erst, als Vince aus dem „Ach ist der niedlich und wie tapsig er läuft“-Alter raus war. Plötzlich wurden Dinge und Handlungen von ihm erwartet, Reaktionen und Höflichkeitsfloskeln verlangt und vorausgesetzt, die für ihn noch gar keine Bedeutung hatten. „Sag mal ordentlich Hallo“ ist nur ein Beispiel von vielen und auch ich habe das anfangs von ihm verlangt.

Seine Reaktion (richtig laut und aus unmittelbarer Nähe zu meinem Opa): „HAALLOOOOO!“

Die Antwort kam prompt: „NA, doch nicht so laut!“

Ihr merkt, man gerät da schnell in einen Teufelskreis und das Kind hat am Ende höchstwahrscheinlich immer noch nicht verstanden was denn jetzt „ordentlich Hallo-Sagen“ ist, welche die „richtige oder falsche Hand“ ist und warum man das überhaupt macht.

„Das muss er wissen, sonst bekommt er später mal Probleme.“

Wir müssen für unsere Kinder einstehen, denn sie können es nicht.

Ich bin definitiv nicht mehr die Mama, die ich vor 5 Jahren war, als ich mir jede Meinung zu Herzen nahm und mein kleines 3 Monate altes Baby einmal für 1 Minute brüllen ließ, weil ich dachte, dass man das eben so macht. Hat sich falsch angefühlt, war absolut gegen meine Intuition und doch habe ich ihn in seinem Stubenwagen liegen lassen. Wenn Tipps und Ansichten aus der eigenen Familie kommen, dann können die doch so falsch nicht sein, oder? Die Erfahrung zeigt, dass es sich lohnt, manche Ansichten von ihren Staubschichten zu befreien und die Dinge noch mal neu betrachten. Natürlich hat er aufgehört zu weinen, als ich ihn aus dem Stubenwagen hob und in meinen Arm nahm. Nicht weil er seinen Willen bekommen hatte, sondern weil es einfach ganz n a t ü r l i c h ist und selbstverständlich sein sollte. 

Es gibt sicher angenehmeres als sich selbst zu hinterfragen. Ich empfand Selbstreflexion schon zu Zeiten meiner Ausbildung nicht gerade einfach, aber mit den Jahren wurde ich immer besser darin. Ich bin z.B. nicht sonderlich gut im Trost spenden. Ich finde zwar die richtigen Worte, aber ich wäre noch vor ein paar Jahren nicht auf die Idee kommen, die Person oder eben Freundin 1, 2 oder 3 zu umarmen, weil es mir selbst unangenehm ist, wenn mich jemand in einem offensichtlichen „Moment der Schwäche“ umarmt. „Schwäche zeigt man nicht. Weinen kannst du, wenn du allein ist.“

Durch meine Kinder verstehe ich, dass es gut und vor allem richtig ist, Schwäche und Angst zu zeigen. Sie zeigen mir jeden Tag wie wichtig Umarmungen und Nähe sind und wie gut sie uns tun. Es ist nicht leicht, aus der eigenen Rolle des Kindes herauszutreten, aber es lohnt sich.

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